themen entwickeln gestalten
„Wir müssen den Arzt für den Kopf genauso
normal sehen wie den Arzt für die Füße.“
Herbert Grönemeyer, 2009
Teufelswerk & Dämonenbrut
Das christliche Mittelalter
Beinahe 600 Jahre dauerte eines der dunkelsten Kapitel der europäischen Geschichte – die Inquisition, der auch unzählige Menschen mit psychischen Störungen vom Mittelalter an bis in die frühe Neuzeit zum Opfer fielen. Der humane Umgang mit psychisch Kranken, der in der Antike praktiziert und im islamischen Mittelalter aufgenommen wurde, verlor sich im Glauben an eine gestörte Beziehung zu Gott oder an böse Werke des Satans. Krankheitssymptome wie die der Schizophrenie oder Epilepsie wurden als Besessenheit durch Teufel oder Dämonen interpretiert, die man nur mit Exorzismus vertreiben könne. Die Behandlung von Ärzten wurde durch die Teufelsaustreibungsrituale der Exorzisten ersetzt, die sich einzig und allein an die ausführlichen liturgischen Anleitungen der Kirche hielten - wie unter anderem im „Rituale Romanum“ beschrieben, das auch heute noch in der katholischen Kirche Gültigkeit hat.
Dämonenaustreibung als Audio
Hilfe und Sanftmut statt Geister und Dämonen
Die Behandlung psychisch Kranker im
islamischen Mittelalter
Natürlich herrschte während des Mittelalters auch im Islam vereinzelt der Aberglaube, psychische Erkrankungen seien das Werk böser Dschinns, doch der überwiegende Teil der muslimischen Bevölkerung sah – ganz im Gegensatz zum Christentum und dem jüdischen Glauben – als Ursache für Krankheiten des Geistes Störungen im Gehirn an. Verbrieft im Koran als Pflicht jedes Gläubigen war der fürsorgliche Umgang mit Kranken selbstverständlich. Überall im Orient baute man Bimaristans – Krankenhäuser, die zu den fortschrittlichsten jener Zeit zählten. Psychisch kranke Menschen, denen gut ausgebildetes Pflegepersonal mit Sanftmut und Geduld begegnete, erhielten von medizinischen Bädern bis hin zu beruhigender Musik während der Nacht eine Vielzahl an Therapien. Das Wissen um Krankheiten und deren Heilungsmethoden prägten islamische Ärzte weit über die Grenzen des Morgenlandes hinaus. So galt der „Kanon der Medizin“ von Avicenna noch weit bis ins 17. Jahrhundert als eines der führenden Werke der Heilkunde.
Epidauros –
Kultstätte der Heilung
Epidauros auf der griechischen Halbinsel Peleponnes ist das älteste und bedeutendste Heiligtum des Asklepios, der als Gott der Heilkunst verehrt wurde. Kranke nahmen oft strapaziöse Reisen über mehrere Tage auf sich, um in dieser Kultstätte Hilfe für ihre Beschwerden zu finden. Aus heutiger Sicht kann man Epidauros als eine Art Sanatorium oder Kurbad bezeichnen, in dem psychisch und physisch Kranke eine Vielzahl von therapeutischen Maßnahmen erfuhren. Zum Höhepunkt eines Aufenthaltes in Epidauros zählte der Tempelschlaf, eine Art Trance-Zustand, in dem Asklepios oder einer seiner Abgesandten den Kranken Ratschläge für die Genesung erteilte.
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Tempelschlafs!
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Die Befreiung der
„Geisteskranken
Männer“ im Jahre 1793
Auf diesem Gemälde des französischen Malers Charles-Louis Müller aus der Mitte des 19. Jahrhunderts wird die Befreiung der Männer von ihren Ketten durch Philippe Pinel dargestellt. In der nahe bei Paris gelegenen Anstalt Bicêtre, in der nicht nur Vagabunden und Verbrecher inhaftiert waren, sondern auch Homosexuelle und „Verrückte“, wurden die Gefangenen in Ketten gelegt und ausgepeitscht, um ihnen ihr „sündiges Verhalten“ auszutreiben. Pinel übernahm 1792 die Leitung von Bicêtre und erlöste ein Jahr später die Männer von ihren Fesseln.
zurückPhilippe Pinel (1745-1826)
Fürsorge und Heiligung statt Strafe und Züchtigung
Man kann Philippe Pinel mit ruhigem Gewissen als Vorreiter der modernen Psychiatrie bezeichnen. Der französische Arzt legte mit seinen Schriften über die moralische Behandlung den Grundstein für eine veränderte Einstellung zu psychisch Kranken: Weg vom Einsperren, Fesseln und Malträtieren - und hin zu einem humanen, von Milde, Zuwendung und Geduld geprägten Umgang. Nach dem er 1793 die Leitung des „Hospice de Bicêtre“ und ein Jahr später die des „Hôpital de la Salpêtrière“ übernahm, löste sich Pinel von den bisherigen unmenschlichen Methoden der Internierungsanstalten für „Verwirrte, Wahnsinnige und Kriminelle“ und setzte stattdessen auf eine enge ärztliche-pflegerische Betreuung. Zur Therapierung der Patienten waren seiner Meinung nach neben Freundlichkeit vor allem Hygiene, viel Licht und frische Luft notwendig. Mit seinen damals völlig neuen Ansätzen bewies Pinel, dass die Bedingungen der Unterbringungen einen enormen Einfluss auf das Krankheitsbild und Verhalten psychisch Kranker haben. Auch die Erkenntnis, dass psychische Krankheiten i.d.R. nicht mit Beeinträchtigungen der intellektuellen oder kognitiven Fähigkeiten verbunden sind, ist ihm ebenfalls zu verdanken. Zwar verschwanden unter Pinel Zwangsjacken und eiskalte Duschen nicht ganz, so leistete er dennoch einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung der wissenschaftlichen Psychiatrie.
Die Befreiung der
Frauen von ihren
Ketten im Jahr 1795
Zwei Jahre nach der Einführung der Menschenrechte für die Männer galten diese im revolutionären Frankreich dann endlich auch für die Frauen. Als Gegenstück zum Gemälde von Charles-Louis Müller über die Befreiung der männlichen „Irren“ von ihren eisernen Fesseln beschreibt der Maler Tony Robert Fleury 1878 die Befreiung der weiblichen „Verrückten“ durch Philippe Pinel im überspitzten Stil der Zeit. Dank dieses Gemäldes wurde Pinel zur Ikone der Fortschrittlichkeit im französischen Gesellschaftssystems.
zurückPhilippe Pinel (1745-1826)
Fürsorge und Heiligung statt Strafe und Züchtigung
Man kann Philippe Pinel mit ruhigem Gewissen als Vorreiter der modernen Psychiatrie bezeichnen. Der französische Arzt legte mit seinen Schriften über die moralische Behandlung den Grundstein für eine veränderte Einstellung zu psychisch Kranken: Weg vom Einsperren, Fesseln und Malträtieren - und hin zu einem humanen, von Milde, Zuwendung und Geduld geprägten Umgang. Nach dem er 1793 die Leitung des „Hospice de Bicêtre“ und ein Jahr später die des „Hôpital de la Salpêtrière“ übernahm, löste sich Pinel von den bisherigen unmenschlichen Methoden der Internierungsanstalten für „Verwirrte, Wahnsinnige und Kriminelle“ und setzte stattdessen auf eine enge ärztliche-pflegerische Betreuung. Zur Therapierung der Patienten waren seiner Meinung nach neben Freundlichkeit vor allem Hygiene, viel Licht und frische Luft notwendig. Mit seinen damals völlig neuen Ansätzen bewies Pinel, dass die Bedingungen der Unterbringungen einen enormen Einfluss auf das Krankheitsbild und Verhalten psychisch Kranker haben. Auch die Erkenntnis, dass psychische Krankheiten i.d.R. nicht mit Beeinträchtigungen der intellektuellen oder kognitiven Fähigkeiten verbunden sind, ist ihm ebenfalls zu verdanken. Zwar verschwanden unter Pinel Zwangsjacken und eiskalte Duschen nicht ganz, so leistete er dennoch einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung der wissenschaftlichen Psychiatrie.
Hier scheiden sich die Geister
Die zweite Psychiatriereform
Im Laufe des 19. Jahrhunderts verstärkten sich in Europa die Bestrebungen für eine verbesserte Unterbringung und Behandlung psychisch Kranker. Doch leider spaltete sich das Lager der Mediziner aufgrund unterschiedlicher Auffassungen, was für die Patienten am besten sei. Während die einen, vor allem in Deutschland, die Unterbringung der Kranken fernab ihrer sozialen Heimat in „Landasylen“ propagierten, forderten andere wie der Reformer Wilhelm Griesinger zumindest die Versorgung akut psychisch Kranker in „Stadtasylen“, damit eine Behandlung in enger Zusammenarbeit mit den Universitätskliniken auf einer wissenschaftlichen
Basis erfolgte. Leider konnte sich dieses Konzept der gemeinde- und universitätsnahen Versorgung nur in der Schweiz durchsetzen, hier wurden bereits 17 % der Patienten in Universitätskliniken behandelt, an denen 23 % der Psychiater arbeiteten. In Deutschland wurden dagegen gerade 3 % der Patienten in universitären Einrichtungen behandelt und nur 10 % der Psychiater waren dort beschäftigt. Somit waren durch die Entwicklung in Deutschland 90 % der Psychiater, die Forschung betrieben, Fachgesellschaften gründeten und Zeitschriften herausgaben, vom Universitätsbetrieb weitgehend ausgeschlossen.
zurückWilhelm Griesinger (1817-1868)
Psychische Krankheiten sind Erkrankungen
des Gehirns
Wilhelm Griesinger gilt als einer der Begründer der wissenschaftlichen Psychiatrie. Nach Griesingers Überzeugung waren Geisteskrankheiten Krankheiten des Gehirns. Um Krankheitsbilder wissenschaftlich bestimmen zu können, forderte Griesinger die gezielte Informationserhebung von psychischen Störungen. Dabei erachtete er nicht nur die aktuelle Situation der psychisch Kranken als wichtig, sondern legte ebenso Wert auf ihre biografische Entwicklung einschließlich der Familiengeschichte, wodurch erstmals das persönliche Erleben der Patienten in den Vordergrund trat. Griesingers psychiatrisches Versorgungskonzept sah die Unterbringung von chronisch Kranken in Landasylen vor. Akutkranke dagegen sollten für eine begrenzte Zeit in Stadtasylen in enger Zusammenarbeit mit Universitätskliniken behandelt werden. Die reale Entwicklung in Deutschland verlief jedoch nicht nach Griesingers Vorstellung – die meisten psychiatrischen Anstalten waren auf dem Land, weit von den Universitäten entfernt. Nur in der Schweiz wurde 1870 mit der Gründung der Psychiatrischen Universitätsklinik „Burghölzli“ die Vision Griesingers umgesetzt.
Krankenmordaktion
Euthanasie
In den Jahren 1933 bis 1945 wurden zehntausende psychisch kranke oder geistig behinderte Männer, Frauen und Kinder verstümmelt und ermordet. Für sie gab es keinen Platz in der so genannten deutschen Volksgemeinschaft. Ihre Versorgungs- und Unterstützungsbedürftigkeit hatte sie zu „Ballastexistenzen“ gemacht, die es zu beseitigen galt. Die nationalsozialistische Diktatur bot die Voraussetzungen für Legitimation und Organisation dessen, was Politiker und Ärzte schon lange gefordert hatten. Tradierte Vorurteile gegenüber Kranken und Behinderten wie auch die sozialen Verteilungskämpfe ließen den größten Teil der Bevölkerung dazu schweigen.
Psychiatrie wird politisch
Die dritte Psychiatriereform
Trotz aller Reformen der vergangenen 200 Jahre konnte auch im 20. Jahrhundert von einer Gleichstellung psychisch und physisch Kranker lange nicht die Rede sein. Zumal die Psychiatrie in Deutschland während der Nazidiktatur mit den Euthanasiemorden einen furchtbaren Rückschlag erlitt. In ganz Deutschland verwahrte man psychisch Kranke bis in die 1970er Jahre unter unzumutbaren Zuständen in veralteten, überfüllten Kliniken. Es herrschte Pflegenotstand pur, auf einen Arzt kamen fast zehnmal so viele Patienten wie vorgegeben. Nur aufgrund unermüdlicher Initiative einiger mutiger Vorstreiter in Ost und West, vor allem aus der jungen Garde der Psychiater, wurden die Reformbestrebungen in der Psychiatrie im damals noch geteilten Deutschland wieder aufgenommen: In der DDR 1963 mit der Verkündung der Rodewischer Thesen und in der Bundesrepublik 1971 mit der Einrichtung einer Enquête-Kommission im Deutschen Bundestag. Beides führte zu neuen, wegweisenden Impulsen in der Psychiatrie. Für das 21. Jahrhundert ist zu hoffen, dass auch die Reformen immer wieder reformiert werden. Zum Wohl der psychisch Kranken, ihrer Angehörigen und der Gesellschaft insgesamt.
Video zum Interview mit Heinz Häfner
„Ich halte die Ausstellung für absolut spektakulär!
Ich habe so etwas noch nie gesehen (...)
Es ist ein außergewöhnlicher Beitrag!
Wenn wir sehen, welchen Weg wir zurückgelegt
haben von totaler Ignoranz zu einem teilweisen
Verständnis, dann dürfen wir hoffen, dass wir
in den nächsten 2.000 Jahren tatsächlich ein
befriedigendes Verständnis dieser Erkrankungen
erlangen werden.“
Eric Kandel, Nobelpreisträger für Medizin, 19.12.2010
Mehr im VideoMit diesen Worten äußerte sich der amerikanische Neurowissenschaftler und Nobelpreisträger für Medizin oder Physiologie Eric Kandel über die von beier+wellach in Zusammenarbeit mit der SALUS gGmbH konzipierte Ausstellung „Dämonen und Neuronen“. Worte voller Lob, wie wir sie als Gestalter von Themen auch nicht alle Tage hören. Aber auch Worte, die eines gewissen Zynismus nicht entbehren und nachdenklich stimmen in Anbetracht der 5.000 Jahre, die die Menschheit brauchte, um psychische Erkrankungen „teilweise“ zu verstehen. Wird es tatsächlich noch weitere 2.000 Jahre dauern, bis wir den Krankheiten des Kopfes mit dem „befriedigenden“ Ergebnis begegnen, von dem Eric Kandel spricht? Wir von beier+wellach projekte hoffen nicht.
Mehr zum Projekt und zur Ausstellung, finden Sie auf der Projekteseite.